was bleibt, wenn alle gehen?

"okay, dann gehen wir nochmal zurück." - ich schaue meine Therapeutin ein bisschen ungläubig an, als sie versucht, mit diesem Satz, unsere letzte Stunde zu retten, nachdem sie vierzig Minuten mit mir diskutiert hat.

"Wenn ich eins mitnehme aus vier Jahren, dann dass es kein zurück gibt" erwidere ich, während ich nach Luft ringe, weil ich nicht aufhören kann zu weinen.

Was bleibt, wenn alle gehen? - frage ich mich, als ich zum letzten Mal die Therapiepraxis verlasse. Was passiert mit meinem Herzen? Und während mit diverse Leute versuchen davon zu überzeugen, dass nicht alle gehen, liege ich nachts manchmal im Bett und stell mir vor wie mein Leben sein wird, wenn xy gestorben oder weggezogen sind. Wenn unsere Beziehungen sich auflösen, verändern, voneinander entfernen und es nurnoch zieht, anstatt sich aufeinander zu beziehen.

Ich konnte mir bis zu dem Moment, als ich die Praxis meiner Therapeutin zum letzten Mal verließ, vor zwei Tagen, nicht vorstellen, dass ich dies überleben würde. Zu wichtig, zu intense, zu lang war dieser Raum, viel mehr auch der Raum, als meine Therapeutin selbst, da. Zuverlässig, jede Woche. Da für mich, egal wie viel ich (innerlich) geschrien, geweint und geschwiegen habe. Aber ich ging, zum letzten Mal, und war okay. Okay, obwohl wir vierzig Minuten unserer letzten Stunde mit unfairen Vorwürfen und Streiterein verbracht haben. Unfair, weil meiner Therapeutin, die professionellste Beziehung, die ich je hatte, im letzten Moment doch noch die Professionalität abhanden gekommen ist und wir am Ende beide mit Tränen in den Augen da saßen. - ich berühre Menschen, hat sie gemeint. Und dass sie mich nicht vergisst.

Natürlich vergisst sie mich nicht, niemand vergisst mich. Das weiß ich, weil ich immer die bin, die irgendwie aus allem raussticht. Meistens als Problem und immer als Gefühl. Ich würde berühren, hat sie gemeint, dabei herrschte da diese unüberwindbare Distanz zwischen uns. Und trotzdem habe ich hinterher ewig über dieses berühren nachgedacht. Was bringt es mir, Menschen zu berühren, wenn am Ende trotzdem alle gehen und ich alleine zurückbleibe?

Und dann habe ich wieder über das zurück nachgedacht. Und bin am nächsten Tag in meine alte Schule gefahren.

Weil es stimmt, zurück geht nicht. Wir können nicht die letzten vierzig Minuten Diskussion ungeschehen machen, nicht die Geschichte, das Vergangene umschreiben und doch geht zurück manchmal eben doch.

Zurück zu den Menschen, die sich doch entscheiden zu bleiben. Zurück zu denen, die bei unserem Abschied meinten, dass ich zurückkommen darf. Und das ist das, worauf ich versuche zu bauen. 

Während meine Welt vor lauter Unsicherheiten zu zerreißen droht, ich nicht weiß, wie Leben zwischen (Arzt-)Terminen, Kranksein, Jung sein und Alltag funktionieren soll. Während ich nichts ändern kann, mein Leben sich anfühlt, als stünde ich mit dem Rücken zur Wand und hätte die Entscheidungen nicht selbst in der Hand. Während die Optionen, die es gibt sich auf schlimm und noch schlimmer beschränken.

Nun stand ich da, im Lehrerzimmer meiner alten Schule. In den mir vertrauten Räumen, den gelben Fensterrahmen. Und vielleicht waren es genau diese Fensterrahmen, die mir das Gefühl von zu Hause gaben. Meine Beziehung zur Schule war schon immer intense und special. Quasi schon bevor ich von zu Hause ausgezogen bin, war die Schule zu meinem Rückzugsort, meinem safer space geworden und das blieb sie bis zuletzt, als ich am letzten Schultag meines Abijahres im Schulgottesdienst saß und mich hinterher bei allen Lehrkräften verabschiedete, ihnen meine frisch gedruckten Bücher in die Hand drückte. Auch, damit sie ja nicht auf die Idee kämen, mich zu vergessen. 

Und das haben sie auch nicht, zumindest die nicht, die an meinem Geburtstag plötzlich bei der Demo auftauchten, um zu gratulieren, oder mich im Krankenhaus besuchten, meinen Zeitungsartikel an die Wand im Lehrerzimmer hängten.

Und wow, das alles zu schreiben, ist bestimmt richtig schlimm, wenn ich jetzt nämlich noch anhänge, dass es auch ehemalige Betreuer*innen gibt, die mich nicht vergessen haben und manchmal um elf Uhr nachts diejenigen sind, die mich davon abhalten durchzudrehen und in einem Meer aus Tränen zu versinken, dann stoße ich eine riessssige Disskusion über Professionalität an. Aber dann ist es wieder eine Diskussion wegen und in dem System. Und darum geht es gar nicht. 

Es geht darum, dass alle gehen. Dass ich nicht den einen Ort habe, der für immer bleibt, auf den ich mich verlassen kann. Es geht darum, dass ich jeden Tag fünf mal überlegen muss, wem ich heute auf die Nerven gehen kann mit meinen Gefühlen und meinen Tränen und meinem Sein. Fünf Mal überlegen, um ja nicht zu viel zu werden für Einzelene, weil sie nicht verantwortlich für mich sind. Weil ich seit ich elf bin, für mich alleine verantwortlich durch die Welt spaziere und schauen muss, nicht zu viel zu sein, um nicht fallen gelassen zu werden. Wie schon so oft, zu oft und von zu vielen.

Dabei ist die Frage auch, was dieses zu viel eigentlich ist? Schließlich erwarte und brauche ich von niemandem die Welt, mein Brauchen beschränkt sich auf so ziemlich die Grundbedürfnisse, die alle haben. Nach Sicherheit, Liebe und Nähe, nach Halt und nach Perspektiven. Während die Perspektiven oft dem Kranksein weichen und mit ihnen auch die Sicherheit, geht es umso mehr genau darum.

Und deswegen sind es die altbekannten gelben Fensterrahmen, die für Sicherheitsgefühle und Geborgenheit sorgen, ebenso wie die lieben Worte, die Umarmungen und auch das Schweigen, das auf Nachfragen zu meinen Gesundheitszustand folgte. Ich glaube, oder hoffe, dass ich von niemandem große Lösungen erwarte. Zumindest nicht von meinem Umfeld. Aber ich glaube, da wo ich alleine versage, wo meine Welt ins wanken gerät und ich den Halt verliere, genau dort zurück zu können, zu altbekanntem, zu liebevollen Menschen und Räumen, das ist das, was es braucht, was ich brauche. Und das reicht.

Es sind Beziehungen, die sich aus verschiedensten Kontexten formen und in den meisten verfolgt mich die Angst, oft auch das Wissen, dass ich meinem Gegenüber nicht ansatzweise so viel bedeutet, wie es mir. Das ist okay und normal und oft auch wichtig vielleicht. Aber genau so wichtig sind für mich, die Beziehungen, die sich weiterformen, Beziehungen, die bleiben. Denn das alleine ist das, was einem haltlosen Menschen wie mir Halt geben kann. Zumindest manchmal. Und ich weiß, dass wir alle Orte und Menschen brauchen, zu denen wir zurückkommen dürfen, auf die wir uns verlassen können. 

Bei meinen Lesungen wünsche ich mir immer für jedes Kind, eine Person, die bleibt. Es braucht eine Person, die bleibt. Um gesund wachsen, um vertrauen zu können, resilient zu werden. Und wenn es diese eine Person nicht gibt, dann treten vielleicht viele andere an diese Stelle und "stricken ein weiches Netz" (Zitat Nisha), dass hält.

Für mich bedeutet zurückkommen zu dürfen, dass aus Fachkräften Freund*innen, Familie wurden. Für die ich Hochzeitstorte backe, die mir ihre Kinder anvertrauen, mich an Weihnachten einladen, mir ihr Sofa anbieten für Notfälle.

Zurückkommen bedeutet in die WG meiner friends zu kommen, wo mein Babybrei schon permanent eingezogen ist, genau so wie die Dinkelnudeln und wo immer mind. zwei Arme auf mich warten, um mich so fest zu halten, dass alles andere ganz unwichtig wird.

Zurückkommen ist auch das bittersüße eintreten in die Wohnung meiner Eltern. Überhaupt aus der Bahn auszusteigen, in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin. Aber selbst das, was so schmerzlich erinnert, ist manchmal wichtig und manchmal Halt.

Zurückkommen in meine alte Schule, alte WG ist so viel mehr, als ein Besuch. Und auch, wenn ich an beiden Orten immer in einem Gewusel aus gestressten Menschen lande, finden doch immer alle irgendwie paar Sekunden, paar Minuten, um da zu sein.

Zurückkommen ist manchmal Instagram zu öffnen und mich in Stories von Influencer*innen zu verlieren, welche mir das Gefühl vom Verstandenwerden geben.

Zurückkommen ist ganz oft, meine Galerie zu öffnen und in drölftausend Tanzvideos, mit meinen liebsten WG Menschen oder Geschwistern, zu versinken. Mich daran zu erinnern, wie groß unsere Liebe füreinander war und darauf zu vertrauen, in mich reinzufühlen und zu wissen, dass diese Liebe geblieben ist, auch wenn wir nicht mehr zusammenwohnen, nur selten voneinander hören, aber nie füreinander an Wichtigkeit verloren haben.

Und wenn ich mir all das so anschaue und auch die Menschen, die gegangen, mit den Menschen, die geblieben sind auf irgendeine Weise, vergleiche, dann ist mein Leben vielleicht gar nicht so instabil und unsicher, wie es doch so oft scheint. Und dann sind alle diese Zeilen und Worte für dich, weil in ihnen meine größte Dankbarkeit und Liebe steckt, weil du da bist und/oder warst und Teil meines "weichen Netzes" bist, ohne dass ich heute gar nicht ich sein könnte. Zumindest nicht mit der unermüdlichen Hoffnung tief in mir, dass es irgendwann auch ein zurück und weiter in das Leben gibt, dass gerade nicht ganz so läuft, wie ich es mir wünsche. 

Und weil ich eben weiß, wie wichtig Menschen sind, die bleiben, die sich zusammenfinden, um gemeinsam (aus)zuhalten, wünsche ich mir so sehr, dass wir Professionalität zu Seite stellen und lieber dafür sorgen, dass jedes Kind jemanden hat, der da ist, der zuhört, der es sieht (vgl. "Das ist (nicht) mein zu Hause).


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