im Spiegel bin ich schon erwachsen
How privileged I am, denke ich mir, während ich durch den Kitaflur laufe. Dasselbe denke ich mir auch noch drei Stunden später, als ich das Kind schon eine Weile wieder zu Hause abgeliefert habe. "Wie groß es geworden ist, wie viel es schon kann." - Acht Wochen haben wir uns nicht richtig gesehen. Wie schnell Kinder wachsen.
Aber nicht nur Kinder wachsen. Auch ich. Als ich gestern Abend vorm Spiegel zu Hause stand - das erste Mal nach acht Wochen Krankenhaus - dachte ich daran, dass mein Gesicht anders aussieht. Müder, meine Lippen sind fast farblos und eingerissen, meine Augenringe tief, aber ich sehe erwachsener aus. Ich bin gewachsen, denke ich mir. Dabei will ich auf keinen Fall erwachsen werden. Liege nächtelang und ganz Tage heulend irgendwo, während mein Herz sich nach zu Hause, nach Mama und Papa, nach klein sein sehnt. Und diesen Wunsch loszulassen, zu akzeptieren, dass es nie wieder so sein wird wie früher, tut weh.
Acht Wochen Krankenhaus tun weh. Vor allem, weil ich nicht geheilt entlassen werde. Viel mehr mit der Perspektive auf ein krankes Leben. Mit der Perspektive auf noch mehr Wartezimmer, noch mehr Therapiestunden, noch mehr Tabletten und weniger Uni, weniger Termine, weniger Aktivismus...
Und während ich noch vor paar Tagen nicht wusste, wie ich das alles schaffen soll, waren meine Stunden seit der Entlassung gefüllt voller Liebe. Voller kleiner Hände, voller Kinderlachen. Und dann ist mir bewusst geworden, dass erwachsen werden vielleicht doch nicht so schlimm ist, weil ich nie alleine wachse.
Und ich liebe diese kleinen Menschen in meinem Leben so sehr. So sehr, dass ich mir manchmal wünsche, sie würden für immer so klein bleiben. Gleichzeitig will ich ihnen noch so viel zeigen, mit ihnen backen, lachen, da sein, während sie erwachsen werden.
Das Beste: nicht nur kleine Menschen wachsen, nein, auch die vermeintlich großen, (fast schon) Erwachsenen. Die Mitpatientin, die jeden Tag einen Schritt mehr geht, trotz Angst. Mein Bruder, der jetzt selber staubsaugt, weil ihn der Staub stört. Meine beste Freundin, die lernt Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Meine neue Oma, die jetzt mit 60 noch schwimmen lernt. Wir alle lernen, wachsen, ändern uns und werden nie wieder so sein wie gestern.
How privileged I am, denke ich mir, als ich den Kitaflur langlaufe. Weil ich sie alle so liebe. Weil ich ein Teil ihres Lebens sein darf. Weil mich Kinderaugen anstrahlen, wenn ich zu Besuch komme und ich mittlerweile sogar Umarmungen bekomme, wenn ich gehe. Weil ich nervöser von den Abiprüfungen meiner Schwester bin, als sie selbst. Weil ich sehe, wie alle neue, schwere Schritte gehen, wie wir sie zusammen gehen. Weil ich zuschauen darf, da sein darf, helfen darf, wenn der Weg allein zu schwer ist.
Und wow, ich tue nichts lieber, als langsamer zu gehen, damit du nicht gestresst rennen musst. Abends noch Snackpäckchen zu schnürren, damit du weißt, dass ich an dich glaube, während du in deiner Prüfung sitzt. Ja sogar mit dem Dreirad habe ich mich angefreundet, weil du es magst und wenn deine kleinen Beine zu müde sind, trage ich dich, bis du wieder laufen magst. Ich freue mich über jeden Termin, den du absagst, weil ich weiß, dass es dir schwerfällt. Ich liebe all das so, so sehr.
Und das Einzige, was manchmal noch fehlt, ist , dass ich langsamer gehe, ohne schlechtes Gewissen, wenn meine Beine zu schwer sind. Dass ich Termine absage, ohne mich schlecht zu fühlen und abends im Bett liege, stolz auf die kleinen und großen Dinge bin, in den Spiegel schaue und weiß, ich bin gewachsen. Und morgen werden wir wieder zusammen weiterwachsen.