zurück und dann weiter
Da liegen sie nun, die Tests mit dem einen Strich. Und obwohl ich ganz leise am hoffen war, das ich endlich negativ bin, macht es einen erstaunlich kleinen Unterschied. Ich liege immer noch in der gleichen Ecke wie gestern, der Weg in die Küche ist nach wie vor zu weit. Und während mein Herz zumindest davon leichter ist, dass ich für andere nicht mehr gefährlich bin und heute zumindest teilweise Leute da waren, um mich in den Arm zu nehmen, fühlt sich alles trotzdem schwer und trist und hoffnungslos an. Und ich muss mich regelmäßig daran erinnern, nicht zu resignieren, geduldig zu sein, zu hoffen und zu glauben, dass es wieder anders wird.
Dabei ist vieles schon anders. Denn während ich nichts außer meinem Bett und den dröltausend Reels auf Insta gesehen habe, sind die Menschen draußen bereits mit abdekorieren der Bäume beschäftigt. Die vielen Lichterketten verschwinden zusammen mit dem Funkeln und Zauber wieder in staubigen Kisten und zurückbleibt eine triste Leere, umhüllt von den ruhigen, zeitlosen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Und spätestens, wenn diese rum sind, beginnt ein neues Jahr, mit neuen To Do Listen und hektischem Unterwegssein.
Und ich fühle mich, als hätte jemand ein Loch in meinen Kalender gerissen, auf skippen gedrückt und am 26. Dezember wieder auf "weiter" geklickt. Ohne zu Fragen, ob ich ready bin. Ohne dafür zu sorgen, dass ich ready bin. Weil der Strich ist weg, aber was bleibt ist das Chaos, dass die Viren - again - angerichtet haben. Von meiner Lunge, bis hin zu meiner Blase, meinen Gelenken und meinem Zyklus ist nichts wie es sein sollte, und leise Ängste befürchten, das es erstmal auch so bleiben wird. Und so oder so, ist der Weg zurück ins Leben nicht so easy wie es scheint. Das klingt alles sehr dramatisch und groß, i know. Dabei war es nur "eine Grippe". Und trotzdem war es mehr als das. In jeder Hinsicht.
Also ermahne ich mich, nicht einfach wieder von Null auf Hundert alles zu machen wie davor, was lustig ist, weil davor ging Hundert sowieso nicht, aber well, damit mein Körper irgendeine Chance auf nachhaltige Heilung hat.
Währenddessen struggle ich mit meinem Herzen und meiner Psyche und schaffe es nicht mal runter ins Wohnzimmer, weil da das leuchtende Mandarinenbäumchen steht, das noch nicht zurückgebracht und abdekoriert wurde. Es steht da und erinnert schmerzlich an das, was ich verpasst habe. Genau so wie die Bilder von Gestern, von dem Haus voller Leute. Und während alle um mich herum ready sind für ein paar Tage Pause von sozialen Interaktionen und gutem Essen, sehnt sich mein Magen nach etwas anderem als Grießbrei (während er schon bei der Vorstellung an Tee zusammenkrampft, aber gut) und ich bin so unendlich traurig und hilflos, dass ich am liebsten keine drei Stunden mehr alleine verbringen und stattdessen in irgendwelchen Armen versinken würde.
Es fühlt sich an, als hätte man mich komplett aus dem Leben rausgerissen, und gibt mich jetzt wieder zurück, aber an der falschen Stelle. Ich bin irgendwo hängen geblieben. Again.
Genau so abgehängt, wie ich mich am Samstag gefühlt habe, als ich in der Tanzschule stand und nichts durfte, aber auch nicht konnte, weil alle schon viel weiter waren, als ich.
Oder vor paar Wochen im Oktober, als ich zurückkam nach zwei Wochen Krankenhaus und alle in der Uni schon ihre friends gefunden hatten und ich seitdem komisch angeschaut werde, weil niemand so genau weiß, was ich da eigentlich zu suchen habe.
Oder vor zwei Jahren, als ich das erste Mal mit Corona im Bett lag und eine Karte bekam, während meine Klasse auf Abschlussfahrt in Berlin war.
Eigentlich fühlt es sich an wie immer. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal wirklich das Gefühl hatte irgendwo richtig dazuzugehören. Nicht in der Schulzeit, als alle mit ihrer ersten Liebe und ersten Party beschäftigt waren, während ich um mein Leben kämpfte und auch nicht später, als unendlich viele und noch kompliziertere Geschichten dazukamen. Selbst bei meinen friends, die so close an meinem Herzen sind fehlt das Gefühl von Dazugehörigkeit. Denn sobald es Treffen mit mehreren Leuten sind, merke ich doch wie wenig ich mich dort richtig fühle, weil ich nicht mitsprechen, nicht mitmachen kann. Weil wir keine krassen Blockaden, politischen Aktionen oder Partys zusammen erlebt haben, weil mein Leben nicht aus romantischen, sondern aus traumatischen Beziehungen besteht.
Und zwischen all dem schaffe ich immer wieder und immer mehr Räume zu finden, in denen sich Beziehungen gut und ehrlich anfühlen, aber selbst da bestehen die meisten aus mehr Absagen, als tatsächlich gemeinsamen Zeiten und Erinnerungen. Und selbst bei meinen Lesungen bin ich oft traurig, gibt es doch niemanden “so wie mich” mit dem oder der ich mich austauschen könnte.
Trotzdem gab es viele erste Male in diesem Jahr und neben vielen Bühnen, Lesungen und neuen Ärzt*innen, habe ich auch der Sonne beim Aufgehen zugeschaut, nach einer viel zu langen Nacht im Partykeller. Ich war fassungsvoll Zelten und habe Demos moderiert.
Und vielleicht weil all das ging dieses Jahr, vielleicht tut es umso mehr weh, das vieles davon schon wieder nicht geht. Und während ich vor einem Jahr in der Recovery-Phase von meiner OP und meinen zwei Coronierkrankungen Ziele und Wünsche formulierte und wieder das erste Mal eine Tanzschule betrat, ein Fahrrad bekam und an meinen Lesereisenplänen feilte, sitze ich heute hier, während mein Fahrrad seit neun Monaten im Keller steht, mein Körper zu kaputt zum Tanzen ist und die Show im Frühjahr ohne mich stattfinden wird, weil ich mal wieder ins Krankenhaus muss.
Es ist nicht schlimm, dass ein Weihnachten mal anders abläuft als alle anderen. Es ist nicht schlimm, mal fünf Tage krank zu sein. Aber es ist schlimm 356 Tage im Jahr krank zu sein und nach fünf Tagen nicht einfach wieder das Bett verlassen zu können. Und es ist schlimm tagelang in der Erinnerung an das letzte Weihnachten mit meinen Eltern, an die letzten Tage vor Silvester, die die letzten Tage sein sollten, in denen meine Mutter gesund war, zu denken und dort festzustecken, wie in einem Karussell. Es ist schlimm niemandem nah sein zu dürfen und es ist schlimm keine schönen, neuen Erinnerungen schaffen zu können.
Und es zerreißt mein Herz, mich so weit weg von guten und entspannten Momenten zu fühlen. So weit weg von den Menschen, die ich liebe, für die ich nicht da sein konnte und auch weiterhin nicht kann und andersherum auch nicht, weil die Gedanken in denen ich seit Tagen herumschwirre so dunkel und traurig sind, dass es schwer ist jemanden damit zu halten oder zu verstehen.
Was bleibt ist der Stress und die Angst. Der Stress von unfertigen Hausarbeiten und Präsentationen. Von Prüfungen, die immer näher kommen, während ich den Stoff von Anfang Oktober noch nicht nachgeholt habe. Der Stress von unverpackten Geschenken und Medikamentrezepten, die ich dringend in den nächsten Tagen abholen muss. Ja sogar der Gedanke ans Spülmaschine ausräumen, duschen und Essen kauen müssen stresst. Der Stress wieder Anschluss zu finden an alle, die schon viel weiter vorne sind als ich. Und das mit einer kaputten Lunge und Beinen, die mich keine zwei Minuten tragen können.
Und es ist die Angst. Die Angst vor erneuten Arztterminen und Krankenhäusern, von nicht geschriebenen Prüfungen. Die Angst auch im neuen Jahr mehr Absagen, als Erinnerungen zu sammeln. Die Angst eine schlechte Freundin, Babysitterin, Schwester, (Pflege-)Tochter zu sein, weil ich zu unzuverlässig, zu instabil bin.
Ich weiß, dass für Viele mit dem Moment des negativen Tests die Freiheit zurückkehrt. Für Viele aber auch nicht. Und ich weiß mittlerweile zu gut, was passiert, wenn ich mehr mache, als ich kann. Und was alles schon nicht ging in dem Moment, als ich mir kurz den zweiten Strich herbeigewünscht habe, all das wird auch jetzt nicht plötzlich wieder gehen.
Deswegen brauche ich jetzt neue Recoverylisten und viel Geduld für mich und mein Umfeld.
Ich brauche eher Menschen, die mich ermutigen langsamer zu machen, als schneller und Menschen, die geduldig sind, auch wenn ich Dinge sage, die unverständlich klingen, kann doch niemand verstehen wie es ist und war in dieser Ecke abzuhängen, zu verzweifeln, einer vergangenen Kindheit und Liebe nachzutrauern, die übergeht in eine betrauern von allem, was gerade nicht geht oder vielleicht nie gehen wird. (wow, hello Schachtelsatz)
Ich brauche kein leuchtendes Mandarinenbäumchen, kein Lagerfeuer, Festessen und viele Leute. Ich brauche nur, zumindest eine Person, die da ist, während ich in dem Spalt zwischen Bett und Wand und Schmerz versinke und die mit mir geduldig darauf wartet, das mein Schmerz des (Nach-)Trauerns verblasst und ich wieder bright and shine bereit bin etwas anders zu tragen, als meinen Pyjama.
Okay, na gut. Vielleicht sollten zumindest ein paar der Lichterketten bleiben. Schließlich hat ein Licht im Dunkeln noch nie geschadet.