Septemberwärme

Der Wind weht anders im September, voller Wehmut und Sehnsucht nach der Wärme, die nie wieder dieselbe sein wird.

Die Wäsche im Garten, die dort seit Tagen hängt, erinnert daran, dass erwachsen sein keine Wahl ist, die man hat und die Wäsche früher oder später abgehängt werden muss.

Und während das Leben sich wieder schneller dreht, die Urlaube und Ferien zu Ende gehen,

sehne ich mich nach Momenten weit weg von der Realität. 

Während die Sonne meine Haut wärmt und meine Locken im Wind hin und her wehen, 

kann mein Herz sich nicht zwischen Freude und Schmerz entscheiden. 

Ich habe gestern in einem Newsletter über die Septemberstille gelesen und wie die Septembersonne sanfter scheint, als die heiße Sommersonne. In meine Playlist haben sich ganz von allein Septemberlieder geschlichen und irgendwie scheint der September nicht nur für mich einen besonderen Glanz zu versprühen.

Sobald der Kalender die acht gegen die neun eintauscht, beginnt bei mir automatisch ein leichtes Bauchkribbeln und eine Aufregung, als wäre ich drei Jahre alt. Die zwei Wochen vor meinem Geburtstag sind meistens viel besonderer, als mein Geburtstag und nun werde ich auch gar nicht drei, sondern zwanzig und man könnte meinen, die Aufregung verschwindet und es wird "nur ein Tag, wie jeder andere". Aber es beruhigt mich auch, dass ich noch nicht so erwachsen bin, dass es mir egal wäre. 

Dieses Jahr fühlt es sich noch besonderer an, denn es ist das erste jahr in meinem Leben, in dem ich alleine wohne und niemand morgens da ist, wenn ich aufwache. Und jeder Geburtstag bringt mich ein bisschen weiter weg von meinem Kinderzimmer, das seit acht Jahren nicht mehr existiert. Was geblieben ist, ist die Aufregung, das Bauchkribbel, die magische Vorstellung von dies und jenem und die Hoffnung, sich zumindest einmal im Jahr wichtig und geliebt genug zu fühlen. - es ist nicht rationales, nichts worüber wir jetzt diskutieren müssen.

Es sind diese zwei Wochen im Jahr, in denen sich mein Herz mit Schmerz füllt und einer Hoffnung, die in wenigen Tagen wieder enttäuscht wird. Aber bis dahin begleiten mich unzählige Gedanken an Lilifeemuffins und der Wunsch noch einmal drei oder sieben Jahre alt zu sein und mit meiner Mama abends am 14.September besagte Muffins zu backen, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass dieser eine Tag im Jahr nur mir gehört, zu wissen, dass meine Familie nicht mit mir streiten wird, stattdessen viele warme Umarmungen und liebe Worte auf mich warten- All das passiert ganz automatisch in meinem Kopf. 

Während ich mich das ganze Jahr über immer weniger an schöne Momente mit meinem Eltern erinnern kann und das Bild einer gesunden, lieben Mutter immer mehr verblasst in meinem Kopf, gibt es zweimal im Jahr diese Wendung in der sich mein Kopf eine ganz eigene Welt romantisiert und in Wünschen und Hoffnungen zu ertrinken droht. 

Manchmal kann ich mich nicht entscheiden zwischen Leben wollen und Verstecken. Manchmal will ich nichts mehr, als den Wind in meinem Haaren, langsame Tage, alleine zu Hause sein und Wäsche machen, auf Partys gehen und mich auf Sofas von Freund*innen kuscheln. Und manchmal reicht all das zu wollen nicht aus.

Dann reicht ein einziger Gedanke, der Geruch des auf Vinted bestellten Pullis, der nach dem Waschmittel meiner Tante riecht, das Lied im Radio von früher, die U-Bahn Haltestelle von meiner Oma oder eine Nachricht in dem archivierten Chat "Mama", um komplett durchzudrehen. Um zu spüren wie augenblicklich mein Herz sich zusammenzieht und der Schmerz mich aller Worte beraubt. Und so wandel ich durch die Welt und frage mich, wann das aufhört. Wann es greifbar genug wird, um anderen zu erklären, wie es sich anfühlt. Um überhaupt sagen zu können, was so wehtut. Um bereit zu sein, zwanzig zu werden. Ohne altes Kinderzimmer, ohne die Liebe, die ich mir so sehr zurückwünsche und vielleicht mit Lillifeemuffins.

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Ich sehe dich, auch hinter der Krankenhauswand.

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Worte gegen die Isolation