Worte gegen die Isolation

Ich liege in der Schaukel und höre das Quietschen der Schaukel am anderen Ende der Leitung. Die Vorstellung, dass Coco und ich beide in Vogelnestschaukeln liegen, ganz zufällig, während wir telefonieren, bringt mich zum Lächeln. Und gleichzeitig bin ich traurig, weil wir nicht zusammen schaukeln können. Obwohl ihre Schaukel nur eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernt von mir liegt, ist die Strecke sowohl für mich, als auch für sie, zu weit. So ist wohl das Leben mit chronischen Erkrankungen. 

Ich liege in der Schaukel, bestaune den blauen Himmel und meine Gedanken schweifen zu den Flugzeugen, die ganz klein am Himmel in alle Himmelsrichtungen fliegen. Ich sehne mich nach Freiheit, nach der Ferne, nach Meer, nach mehr. 

Nach mehr Leben. Klischeemäßig nach Meer, nach Liebe, nach Sommernächten, nach Partys. Aber auch nach entspannten Sofaabenden, nach genug Luft in meinen Lungen, um tanzen gehen zu können und nach genug Kraft, um die Küche aufzuräumen. Nach genug Worten, um meine Gefühle nach außen tragen zu können und genug Kraft diese auch festhalten zu können. 

Und während ich hier sitze, im Wohnzimmersessel, unfähig mich zu bewegen und mich ums Abendessen zu kümmern, denke ich, dass es mir doch besser gehen müsste. Oder schlechter. 

Besser, weil ich heute so vieles geschafft habe. Die ganze letzte Woche. Vielleicht übertreibe ich ja und es geht mir gar nicht so schlecht. Vielleicht bin ich gar nicht so krank wie ich denke. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, schließlich sieht man es mir eh nicht an. Vielleicht ist es nur mein Kopf. 

Schlechter, weil mich meine Kräfte verlassen, ich gefühlt durch die Gegend krieche und jedes Mal, wenn ich stehenbleibe, merke, wie schwer eigentlich mein Körper ist. Wie schwer mein Leben wiegt und wie groß der Schmerz ist. Vielleicht sollte ich mehr Pausen machen. Vielleicht sollte ich meiner Ärztin schreiben, aber ich schaffe es nicht mal ihre Mailadresse einzutippen, da verlassen mich schon meine Kräfte. 

Und ich frage mich jedes Mal auf's Neue, wie das funktionieren soll. Dieses Leben? Und dieses Kranksein?

Ich will die guten Momente nutzen, leben und rausgehen. 

Aber in den blöden, so wie grade, will ich nicht isoliert in meinem Wohnzimmersessel versinken. Alleine in einer viel zu großen, leeren Wohnung. Ich bemühe mich Worte aneinanderzureihen zu schönen Ketten, aber ich frage mich, ob überhaupt jemand verstehen kann, was ich sagen möchte. 

Ich frage mich, ob meine Deutschlehrerin von meiner Grammatik und Kommasetzung enttäuscht wäre und ob es überhaupt jemanden interessiert, was ich da so aneinanderreihe. 

Aber Menschen erzählen Geschichten. Und ich erzähle meine, mit kaputten Sätzen, voll von sehnsüchtigem Meer-/mehrweh und hoffe, dass meine Worte ihren Weg finden, raus aus der Isolation und irgendwo ankommen, wo sie sich gesehen fühlen, wo sie gehalten werden und sich verstanden fühlen.

Zurück
Zurück

Septemberwärme

Weiter
Weiter

Before I go