Ich sehe dich, auch hinter der Krankenhauswand.
Das Licht vom Laptop brennt in meinen Augen, während der Schmerz des Schweigens, des nicht gesehen Werdens auf meinem Herzen brennt. Und so entscheiden ich mich für das Schreiben und gegen einen Power Nap, der zumindest gegen meine pochenden Kopfschmerzen helfen könnte, wenn schon nicht gegen meine allgegenwärtige Müdigkeit.
„… ich schaffe es weder die Studienberatung anzurufen, noch rechtzeitig zur Uni. Aber geh ich dann noch hin oder nicht?“ Es ist 13.23 Uhr als ich eine*m Freund*in schreibe, während ich bereits seit fast zwei Stunden im Wartezimmer einer Arztpraxis sitze. Über zwei Stunden später verlasse ich die Praxis und muss schon fast darüber lachen, dass ich dachte, dass der Termin bestimmt nicht so lange gehen würde. Naja, wer hat denn auch schon das Glück von einem ganzen Team vergessen zu werden und vier Stunden im Wartezimmer zu verbringen? Vermutlich hätten die meisten spätestens nach zwei Stunden mal nachgefragt und dann wäre so ein Vergessen schneller aufgefallen. Aber ich bin einfach brav auf meinem Stuhl sitzen geblieben, bin ich es doch noch von letzter Woche im Krankenhaus gewohnt, dass Warten quasi genau so viel Zeit in Anspruch nehmen kann, wie ein guter Vollzeitjob. In meinem Kopf rechne ich aus, wie viele Stunden ich bereits diese Woche in Wartezimmern verbracht habe und stelle Hypotesen auf wie viele Stunden es Ende nächster Woche sein werden, wenn ich die fünf anstehenden Termine auch hinter mir habe.
Eine Stunde später laufe ich verloren durch die Gänge des Supermarktes, mit dem Wissen, dass es außer den Maiswaffeln sowieso nichts geben wird, was ich essen kann ohne davon mindestens Bauchschmerzen zu bekommen. Aber ich habe noch drei Stunden Zeit bis zu meinem Vorgespräch für das Uni-Stipendium und ich weiß nicht wohin mit mir. Nach Hause lohnt sich nicht, Freund*innen treffen ist zu anstrengend. Warum ich überhaupt zu dem Vorgespräch gehe, weiß ich auch nicht, weil die Prognosen für mein angefangenes Studium zumindest momentan schlecht stehen.
An der Bahnhaltestelle treffe ich eine alte Mitbewohnerin, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Wir führen einen drei minütigen Smalltalk bei dem ich schon bei der Frage wie es mir geht ins Stocken gerate. Was soll ich ihr denn auch antworten? Ich antworte mit okay und erzähle, dass ich studiere. Auf dem Papier tue ich das ja auch, aber der Prof in der Uni lacht bestimmt über diese Aussage, denn er hat mich dieses Semester nur einmal gesehen und viel mehr wird es auch nicht werden, außer wir treffen uns zufällig in einer der vielen Wartezimmern.
Als mir die Ärztin im Krankenhaus letzte Woche erklärt hat, dass sich an den zweiwöchigen Aufenthalt dort, vermutlich noch ein sechswöchiger Aufenthalt auf einer anderen Station anschließen wird, war uns beiden klar, dass ich damit dieses Semester in die Tonne werfen kann und drauf verzichten kann mir überteuerte Gesetzbücher anzuschaffen. Am härtesten traf mich meine eigene Aussage, was ich aber erst im nachhinein bemerkte. „Aber dann mache ich doch gar nichts.“ Diese und ähnliche Aussagen schwirren jeden Tag in meinem Kopf, während ich in Wartezimmern sitze, in Warteschleifen abhänge, Anträge unterschreibe und stundenlang auf Instagram scrolle und mir das „tolle“ Leben von anderen anschaue. Gleichzeitig scrolle ich aber auch durch unzählige Beiträge von anderen Menschen mit chronischen Erkrankungen und komme kein einziges Mal auf die Idee zu denken, wie wenig diese täten. Auf eine meiner Stories flatterte gestern ein „I see you und I feel you“ von Sabrina in mein Postfach. Sieben Worte, die mir an diesem Tag die Welt bedeutet haben. Gesehen zu werden als ich und mit meinem Schmerz, als ganzes ich, das ist eigentlich fast unmöglich. Weil ich viel zu oft zu müde und zu schwach bin, um Worte zu finden und diese auch nach außen zu tragen. Und je schlechter es mir geht, desto größer wird mein Bedürfnis nach Halt, nach Umarmungen, nach gesehen werden. Denn wenn du fällst und in einem Meer aus Schmerz ertrinkst, wenn du vor lauter Krankenhauswändeanstarren schon vergessen hast wie sich Sonnenstrahlen auf der Haut anfühlen und wie unbeschwertes Lachen und Tanzen geht, dann brauchst du jemanden der dich sieht. Sonst verschwindest du hinter einer verschlossenen Tür und ertrinkst. Und Sabrina schickt diese Worte während sie selbst im Krankenhaus mit ihrer eigenen Erkrankung struggelt.
In den Wochen bevor ich ins Krankenhaus kam, hat mein Studium angefangen und ich bin weit über meine Grenze hinausgegangen, um zur Uni zu kommen und dort zu teilnehmen zu können. Aber während die anderen auf Willkommenspartys gingen und sich untereinander vernetzen, fiel ich abends weinend in mein Bett, unfähig dazu mir was zu kochen oder mich um irgendwas anderes zu kümmern. Es gab Tage, da war ich so fertig, dass ich nicht mal sagen konnte, dass ich fertig bin. Und dazu kam dieser unfassbare Druck, den ich mir selbst machte, aber auch von außen zu spüren bekam, dass ich es doch schaffen müsste zur Uni zu gehen, „normal“ zu sein. Könnte ich doch alles schaffen, wenn ich mich genug anstrengte. Ich weiß nicht genau woher der Druck kam, aber ich wollte mit niemandem reden. Zu groß war meine Angst nicht verstanden zu werden und meine einzige Hoffnung auf Verständnis lag in zwei Nachrichten, die ich, morgens mit krassen Schmerzen, auf Instagram verschickte. Eine Autorin, der ich lange folge und die regelmäßig von ihrem Leben mit chronischen Erkrankungen erzählt, schickte mir am nächsten Tag mega liebe Audios als Antwort. Ich weiß nicht mehr genau, was sie da alles sagte, aber ich stand in dem Moment weinend an der Haltestelle, weinend vor Erleichterung. Kea teilte nur ihre eigenen Erfahrungen, aber es waren diese, die mir Halt gaben, das Gefühl vom Nicht alleine sein. Und es sind Stories wie die von Kea oder Sabrina, Bücher wie die von Luisa oder anderen Aktivist*innen, die sich den Raum nehmen und ihre Erfahrungen teilen. Wir brauchen diese Räume, weil es manchmal genau der Raum ist, zu dem wir zurückkommen, wenn wir vor Schmerzen das Haus nicht verlassen können, unseren Schmerz nicht in Worte fassen können und dann Halt finden in den Worten von anderen.
Es braucht eben diese Räume in denen wir sein dürfen. In denen Schmerz sichtbar wird, nur so wird er leichter. Es geht nicht um Aufmerksamkeit oder Rumjammern, oder vielleicht auch doch, aber selbst das ist legitim. Denn wenn Menschen mit chronischen Erkrankungen eins nicht tun, dann ist es nichts tun. Chronisch krank zu sein bedeutet genau so viel Zeit in Arztpraxen zu verbringen, wie Ärzt*innen, nur mit dem Unterschied, dass wir dafür nicht bezahlt werden. Chronisch krank zu sein bedeutet für mich, dass ich manchmal nicht weiß, wie ich mein Leben finanzieren soll, denn wenn ich eine Lesung aufgrund von Schmerzen absage, dann entsteht da ein Loch in meinen Finanzen, ein Loch das noch größer wird, sobald ich die Apotheke mit meinem Stapel Rezepte betrete. Manchmal versuche ich auszurechnen wie viele Schmerztabletten ich im Monat maximal nehmen darf, damit ich keinen zu großen finanziellen Schaden anrichte. Krank zu sein bedeutet für mich, dass es mir all meine Kräfte raubt, auch wenn im Wartezimmer sitzen erstmal nicht anstrengend zu sein scheint. Aber wenn du dann vor Ärzt*innen sitzt, die dich ratlos anschauen und mit einer Überweisung zur nächsten Praxis schicken und du vor lauter Terminen keine Zeit mehr für dein Leben hast, dann ist es nicht nur anstrengend, sondern frustrierend und Kräftezerrend. Chronisch krank zu sein bedeutet auch bei jeder Tablette abzuwägen, ob die Wirkungen oder Nebenwirkungen stärker sind. Es bedeutet viel zu oft sich zusammenzureißen und mit einem „es geht mir gut“ durch die Welt zu laufen, nur um keine anstrengenden Diskussionen führen zu müssen.
Und wenn ich jetzt all das so schreibe, wenn ich meine Stories der letzten Tage anschaue, dann frage ich mich schon, was die Menschen in meinem Umfeld von mir denken. Die Menschen vor denen ich noch vor paar Wochen lächelnd stand und erzählte, dass mein Leben gut läuft und dass ich anfange zu studieren, Lesungen gebe usw. Vielleicht denken sie sich, dass ich zu viel rumjammere und das alles nicht so schlimm sei. Oder sie fühlen sich angelogen. So oder so, ich weiß selber manchmal nicht, was the way to go ist. Aber ich glaube nicht, dass sich um jeden Preis zusammenreißen hilft. Aufzustehen trotz Schmerzen ist nur dann hilfreich, wenn das wofür du aufstehst dir mehr gibt als nimmt. Und ich habe in meinem losten Hirn schon wieder vergessen worauf ich eigentlich hinaus wollte. Aber was ich brauche ist Zeit. Zeit und Raum. Raum für meine Gefühle, meinen Schmerz. Ich will sein dürfen und eine Daseinsberechtigung haben. Hier und auf Instagram und in der Welt da draußen. Auch und vor allem, wenn ich von meinem Schmerz erzähle. Weil das in Worte zu fassen, sich vor diesen Bildschirm zu setzen und zu schreiben, nicht nichts tun ist. Es ist vermutlich das schwierigste ever. Sich so zu zeigen, sich angreifbar zu machen, nach Hilfe zu fragen. Und die brauche ich. Ich brauche Liebe, Care und Verständnis. Ich brauch Support, auch wenn ich manchmal selber nicht weiß, wie dieser aussehen kann. Ich will gesehen werden und ich will aber auch, dass du weißt, dass du auch jedes Recht der Welt hast gesehen zu werden. Deswegen wünsche ich uns allen mehr Ehrlichkeit, weniger Selbstzweifel und Arme, die uns halten.