Von kämpfende Herzen und random Momenten

04.06.24

Es ist mittlerweile genau sechs Wochen her, seit ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde und während mich eine Erkältung komplett umhaut und ich, mal wieder, an mein Bett gefesselt bin, kreisen Gedanken durch meinen Kopf, die festgehalten werden wollen. Gedanken und Gefühle, die ich festhalten möchte, für mich. Für viel zu graue Tage, von denen wir gerade viel zu viele haben. Aber auch für sonnige, heiße Tage, die sich schwer anfühlen, weil sie nie zu enden scheinen und weil wir manchmal vor lauter Sonne vergessen innezuhalten und uns daran zu erinnern, wie besonders diese doch ist.

"Ich glaube, ich bin gewachsen." Sage ich, als ich abends von einer Lesung nach Hause komme. Und ich glaube nicht nur, ich weiß es, denke ich mir, während ich an die letzten Wochen zurückdenke. Vor allem erinnere ich mich noch viel zu gut an all die Momente, in denen ich weinend bei Pflegekräften, Ärzt*innen und Therapeut*innen saß und meinte, dass ich nicht weiß, wie das, wie ich funktionieren soll, nach meiner Entlassung. So tief war mein Schmerz, mein Frust und das Loch. Und noch größer war die Angst noch tiefer zu fallen und den letzten Halt, die letzte Hoffnung zu verlieren. Obwohl ich es doch so sehr will, dieses Leben.

Dann wurde ich entlassen. Und ich war okay. Zuerst nur für einen Moment, aber mittlerweile sind es schon sechs Wochen. Manchmal liege ich im Bett und suche nach dem Haken an dem Ganzen. Wann kommt das nächste Loch? Wie lange geht sowas gut? Wie lang dauert es, bis ich wieder zur krassen Belastung für mein Umfeld werde? Und jetzt liege ich hier, erkältet, skippe das Mittagessen, weil ich mich nicht traue danach zu fragen, ob jemand sich um mich bzw das Mittagessen kümmern kann. Liege hier und denke, vielleicht ist der Moment jetzt gekommen. Fühle ich mich doch so unfassbar schwach, struggel mit Schmerzen und versuche genug Luft zu bekommen. In meiner Galerie werden Videos von vor zwei Jahren eingeblendet, es war mein allerletzte Schultag. Mein Herz zieht sich zusammen, meine Augen füllen sich mit Tränen und mein Herz mit Schmerz. Wie sehr ich sie vermisse, denke ich mir. Die Schule, Eli, die Lehrkräfte, sogar die Matheaufgaben und vor allem die Leichtigkeit.

Die Leichtigkeit, die sich überall in den Videos und Fotos versteckt. Die Leichtigkeit an lauen Sommerabenden, an die ich mich erinnere, während ich hier liege, unter drei Decken und friere.

Aber dann drehe ich meinen Kopf weg von der Wand und hin zum Fenster, durch das seit Tagen mal wieder soetwas wie Sonnenlicht scheint. Beobachte den Kirschbaum, die Vögel, das Eichhörnchen, das nur durch die Glasscheibe von mir getrennt ist. Viele, viele kleine Dinge, über die ich wohl nie aufhören werde zu schreiben, weil das die Leichtigkeit ist, die mich erreicht. Die Leichtigkeit, die durch mein Fenster hineinglitzert.

Und ich weiß, ich bin okay. Ich werde wieder gesund, zumindest, was die Erkältung angeht. Es wird wieder wärmer werden und die Sommerabende warten schon sehnsüchtig hinter den Wolken. Genau so wie mein Leben, das langsamer fließt, als andere. "Wir sind besondere Kinder, die besondere Wege gehen" schrieb ich in meinem Buch und erinnere mich heute daran, wenn ich weiß, dass ich nicht in drei Jahren meinen Bachelor mache, nicht all die fancy Möglichkeiten meines Stipendiums ausnutze und reisen gehe. 

Dann reise ich eben anders. Reise, wenn ich Glück habe, es mir gut genug geht, zum Kämpferherzentreffen und zum Careleavertreffen. Heimkind, Careleaverin und chronisch krank sein, das kann ich gut. Aber was kann ich noch? Was bin ich überhaupt? - vielleicht die Identitätskrise, die man mit Anfang zwanzig so hat, vielleicht alles Fragen, die auf einen warten, während man wächst. Und ich wachse. Langsam, aber mit jeder Lesung und auch jeder abgesagten Lesung, wachse ich ein bisschen mehr. Finde neue und alte Worte, lerne von meinen eigenen Lesungen und lerne auf meinen Körper und mich zu achten, Grenzen zu setzen und Termine abzusagen, wenn es nicht geht. Übe mich darin, ohne schlechtes Gewissen bzw überhaupt im Bett zu bleiben, wenn ich es brauche. Arrangiere mich damit, dass ich schnell oversocialised bin und keine Kraft habe neben der Uni noch mit den Leuten dort zu connecten und Zeit zu verbringen.

Und weil nicht nur ich, sondern auch mein Laptop kaputt gegangen ist, ist mittlerweile nicht mehr Anfang, sondern Ende Juni. Diverse Lesungen, Arzttermine, Antibiotika später, habe ich kleine und große Erinnerungen sammeln dürfen und eine ganz besondere: das Kämpferherzentreffen. Ein Jahresevent von und für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Und mir fehlen ehrlich gesagt die Worte, um gut beschreiben zu können, wie dieses Treffen war. Irgendwie sagt der Name schon alles. Es waren sooo viele Herzen, die sich wortwörtlich zu diesem Treffen gekämpft haben. Durch eine Welt, die aus unendlich vielen Barrieren und Schmerz besteht. Ein Gesundheitssystem, das ähnlich wie das Jugendhilfesystem, nie dafür geschaffen wurde uns Halt zu geben. Und doch sind wir da, mit kräftigen, schlagenden Herzen. Geben einander den Halt den wir brauchen. Auf ganz wundervolle Weise.

Manche digital, manche ganz real, teilen ihre Gedanken, nähen stylische Kühlhauben, nehmen Podcasts auf und manche schweigen, liegen irgendwo im dunkeln, abgespalten von der Welt. 

Vor zwei Wochen lag ich im Op, alleine. Frustriert, verwirrt, und in meinem Kopf ein Karussel aus den Worten Ariannes, die mit ihrem Singen selbst den einsamen, kalten OP erreicht. Und dann wusste ich, was ich schon wusste, aber, ja wir sind Viele. Die mit und trotz so vieler Ungerechtigkeiten Leben und vielleicht werden es andere nie verstehen, aber ich glaube mein Herz hat dieses Wissen, dieses Treffen in Kassel, so so sehr gebraucht. Zum Durchatmen, zu wieder dran glauben, vielleicht nicht jetzt, nicht heute oder morgen, aber immer dazwischen, zwischen dem Schmerz, zwischen der Angst, da liegt immer Licht und ich bin okay, mal ganz kurz, weil ne Weile und ich bin sicher, dass ich bleibe.

Und jetzt ist nicht mal mehr Juni, viel mehr schon Mitte Juli und Sommer. So richtig mit Sonne und Hitze und Schwitzen. All das während ich diese Woche in über fünf Wartezimmern sitze und mich die Ärzt*innen mit den Worten entlassen, dass ich ihnen nicht danken soll, sie könnten mir ja nicht helfen. Und ich weine, brauche Raum zum wütend sein. Auf die Ungerechtigkeit nicht einmal auf jemanden sauer sein zu können, weil so richtig ja niemand daran schuld ist, dass ich krank bin. Und dann sitze ich im Zug, auf dem Weg nach Berlin und lese Geschichten, die von den Leben verschiedener ehemaliger Heimkinder berichten. Und mein Herz bricht abermals diese Woche, weil ich zu gut weiß, was für Traumata dieses System hinterlässt. In der Jugendhilfe, im globalen Süden, im Gesundheitsystem und ungefähr überall außer bei Elon Musk, da regelt das ElHotzo.

Und jetzt habe ich komplett den roten Faden verloren. Aber lol, roter Faden bedeutet ich verfolge eine Plan und das habe ich schon lange aufgegeben. Mit Krankheiten lässt sich nicht planen, nur hoffen und manchmal sich rauswagen aus den eigenen vier Wänden, hoffen, dass es klappt und die Stille, die Einsamkeit danach sich lohnt. Naja, und so lebe ich halt mein Leben, lebe in Zwischenwelten, oder auch auf den Gleisen der DB, ich weiß es nicht ganz. Und so endet dieser Text again, einfach random. Ich freue mich auf Sommer und Momente voller Leben. Habe Angst vor dem Urlaub, dem Wegfahren, den Wartezimmern. Bin sauer und wütend auf das System, auf die Welt, die Politik. All das bin ich, irgendwo Anfang zwanzig, in meiner Selbstfindungsphase.

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im Spiegel bin ich schon erwachsen