ich will deine Hoffnung sein

Ich krame diese alten Kassetten aus, um zumindest für einen Moment zurückzureisen in eine Zeit in der meine kleine Welt noch heile war. Und ich betrachte dieses Baby, diese Menschen die es pflegen, lieben, heben. Und ich trauere um ein Leben, das ich niemals haben werde. Um die Jahre, die verstrichen, ohne Arme, Pflege und Liebe. Ein Leben ohne "Guten Morgen, Häschen", ohne Menschen, die meinen Namen richtig kennen und mich richtig nennen. Und ich frage mich, wie es wäre, war es dieses Leben wert? Denn wäre ich dortgeblieben, wäre ich heute nicht so wie ich bin. Aber war es all das wert?

Wenn ich niemals weggegangen wäre, hätte mein Immunsystem vielleicht nicht aufgegeben, vielleicht wäre ich heute dann nicht krank. Vielleicht würde ich dann jetzt wirklich Medizin studieren. Ohne Angst nach Russland fliegen. Und wenn ich weine, mich in die Arme meiner Mama fliehen.  Aber würde mir dann nicht mein Leben von heute fehlen? Vielleicht, bestimmt und doch weiß ich nicht, ob ich nicht all das eintauschen würde, gegen all die Tränen, die ich nun täglich vergieße, gegen den Schmerz in meiner Brust.

Und ich frage mich, ob es leichter wäre, hättet ihr mich nie geliebt. Wäre Liebe etwas unbekanntes, fernes, unfühlbares, wäre es dann leichter? Weil ich euch dann nicht vermissen müsste. Weil ich nicht nun auch  noch eure Tränen weinen würde, weil euer Leben, genau wie meines in schrecklichen Schmerz zerbrach, als wir getrennte Wege gingen, obwohl ich noch nicht mal wusste wie laufen geht. Dieses auf zwei Beinen fest im Leben stehen, wird es für mich wohl niemals geben. Dafür liege ich heute viel zu oft zerbrochen auf dem Boden.  Was für ein Verlust für die Welt, habt ihr mich doch mit bestem Wissen und Gewissen großgezogen. 

Ich hasse dieses Leben für so vieles. Ich hasse diese Krankheit, die kam wie eine Grippe und dich mitnahm für immer. Ich hasse es, dass es dafür keine Heilung gibt. Ich hasse es, dass ich einundzwanzig bin und dass es schon zehn Jahre her ist, seit ich kein Kind mehr bin. Ich hasse es zu wachsen, erwachsen zu sein und zu werden und zu wissen, dass ich nie wieder, nicht für eine Sekunde in deinen Armen liegen werde. Ich hasse all die Gespräche und Gerichtstermine, die uns immer weiter auseinandertrieben und ich wünschte irgendjemand hätte die Zeit angehalten, damit wir, dann wenn es dir irgendwann besser geht, einfach dort weitermachen könnten, wo wir stehen geblieben sind. Zurück durch die Tür, durch die ich ein letztes Mal ging, in Begleitung von Jugendamt und Polizei, mich nicht umdrehte, als du meinen Namen riefst. Und ich weiß, es war nie meine Schuld, aber ich will, dass du weißt, ich wollte das nicht. And maybe, I will never be okay again. 

Und Mama, ich wünschte, ich könnte dir erzählen wie schwer dieses Leben gerade ist. Wie schwer es ist krank zu sein. Wie schwer es ist nicht aufzugeben. Und wie sehr ich euch vermiss. Aber auch, wenn es sich anfühlt, als könnte ich so nicht leben, auch wenn jegliche Hoffnung und Perspektive manchmal fehlt, so verspreche ich mir nicht aufzugeben, weil dann wäre es all das wirklich niemals wert gewesen. Dann wären deine letzten einundzwanzig Jahre voller Schmerz, voll Aufopferung und Stunden, Tage, Wochen, Jahre, die du neben mir am Bett gesessen hast, all die durchgemachten Nächte, all die Sorgen, Ängste und Gespräche umsonst. Ich will deine Hoffnung sein, okay? 

Ich werde leben, für uns beide. Ich will leben und kämpfen und der Welt all die Liebe schenken, die in mir wächst mit jedem Tag, trotz Trauer, trotz Schmerz, aber weißt du mein Herz, es ist deins. Es ist deins, es ist meins, aber es hat von dir gelernt, es ist all das Beste von dir und das lebt jetzt in mir und ich will dass es nie, nie, niemals stirbt. Ich will, dass es weiterlebt, ich will es weitergeben, weiterschenken an jedem meiner Tage. And I'm already trying my best. Ich wünschte du könntest es sehen. Ich wünschte, du wüsstest, dass all die Liebe für andere, für die Kinder mit denen ich aufgewachsen bin, für die Menschen, die mich fingen, als ich dich verlor, für all die kleinen magical Dinge des Lebens, all die, die habe ich nur wegen dir. 

Und ich wünsche mir, dass ich irgendwann gesund werde, gesund genug um Mama zu werden. Um all das genau so machen zu können wie du. Um zu leben und zu lieben und nachts weinend im Bett zu liegen, weil ich dich für immer vermissen werde.

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Von kämpfende Herzen und random Momenten