Frohe Wein-Nächte
Ich habe wirklich versucht aufzuhören zu weinen - really. Aber jedes Mal, wenn ich an den Frühstücksgrießbrei neben meinem Bett denke, fange ich wieder an zu weinen. Und so geht es schon seit acht Stunden. Mittlerweile ist es wieder dunkel und von unten aus dem Wohnzimmer hört man Menschen lachen. Also ich höre die Menschen lachen. Die Menschen hören mich, teilweise seit acht Stunden, weinen. Und ich wünschte ich müsste das denen nicht antun, weil wenn ich schon nicht feiern kann, so wünsche ich mir zumindest für alle anderen Leuchten und Lachen und Lights.
Ich glaube in meinem Körper befindet sich mittlerweile auch nichts mehr, außer den blöden Coroniviren, die jeden Tag magischerweise dafür sorgen, dass der zweite Strich auf meinen Tests zu leuchten anfängt und nicht verschwindet.
Und liege ich hier seit Tagen mit diesen Viren in mir und um mich und bin fasziniert von dem Paradoxon, dass die Viren, die Symptome verstärken, die noch von den letzten zwei Infektionen übrig geblieben sind. Zusätzlich bin ich faziniert von meinen ausdauernden Tränen, die nicht aufhören, während ich seit Tagen nicht mal einen Stift halten kann oder den Weg in die Küche schaffe. Und ich frage mich, was das Gute an dieser Situation ist. Was lerne ich jetzt daraus? Was nehme ich mit? Wofür war das jetzt gut? Und ich habe keine Idee, weil abgesehen davon, das Gott einfach wirklich krass ehrenlos ist, habe ich nichts gelernt.
Okay doch und vielleicht noch, dass man wirklich vorsichtig sein sollte mit Wünschen, weil ich am Abend vor meinem positiven Test frustriert und heulend im Bett lag und mir für eine Millisekunde diesen zweiten Strich gewünscht habe, einfach weil mich alles so überfordert und angestrengt hat und ich zumindest eine gute Entschuldigung für meine Absagen haben wollte. - ah ja, so gesehen kann man es Gott dann doch nicht verübeln, zumindest hat er meinen Wunsch erfüllt.
Aber you know, it's the hell on earth. Weil abgesehen davon, dass ich wochenlang ungefähr überall mit Maske rumgelaufen bin, Leute in der Uni sich weggesetzt haben von mir, weil sie Angst hatten, ich mit (und nicht die ohne) Maske könnte sie anstecken, und im Endeffekt dann trotzdem meine wichtigen Arzttermine absagen musste, abgesehen davon ist Weihnachten.
Und Weihnachten so schon ist oft schlimm. Weihnachten als ehemaliges Jugendhilfekind ist schlimm. Weihnachten krann ist schlimm. Und Weihnachten allein ist schlimm. Und mein Weihnachten hat ungefähr alles davon zusammengemischt. Dabei liebe ich Weihnachten eigentlich.
Ich liebe es so sehr, dass ich schon im April anfange zu zählen, wie viele Sonntage es noch sind. Ich lieb's so sehr, dass ich zu meinem Geburtstag im September einen Adventskalender bekommen habe und jeden Sonntag ein Geschenk auspacken durfte. - Props an des beste Geburtstagsgeschenk btw.
Ich liebe Weihnachten aber nicht wegen den Geschenken, nicht wegen dem Essen, nicht mal wegen dem Tag an sich. Weil seit ich denken kann bestehen meine Erinnerungen an Weihnachten aus Blaulicht, Tränen, Alkohol, Streit und Enttäuschungen. Aber weil ich mich weigere das so hinzunehmen, liebe ich es stattdessen. All year long. Und meine einzige Konstante ist jedes Jahr die Helene Fischer Show, die selbst läuft, während die Polizei in unserem Flur steht, oder jemand rumschreit, weint und selbst bis hierher in meine Ecke hat sie es geschafft (jetzt versucht nochmal Helene zu kritisieren. Sie ist sogar da, wenn niemand da sein kann).
Jetzt soll nochmal irgendjemand sagen, dass ich Dinge negativ sehe. Ich strahle wortwörtlich vor Positivität.
Und ich glaube daran, dass the worst time, the best time sein kann. Weil Weihnachten abseits vom Stress, von Geschenken, von Massenproduktion und toten Gänsen kann auch glitzern, funkeln, Licht in die kalteste Zeit des Jahres bringen. Außerdem liebe ich Menschen und Feiern. Also eigentlich alle Gründe, weshalb man die liebsten Leute um sich herum versammeln kann, um zusammen abzuhängen, Quatsch zu machen, nichts zu machen und einfach zusammenzusein. Und ich lieb so familytime. Aber nicht die, wo über Politik und mein Gewicht diskutiert wird. Sondern die familytime, bei der ich Heiligabend meine WG Mitbewohnerin bzw. beste Freundin (und manchmal noch andere Mitbewohnis mit dazu) mit zu meiner Familie schleppe, weil sie dazugehört zu meiner family und ich mir seit acht Jahren Weihnachten nicht ohne sie vorstellen kann bzw. nicht konnte bis zu diesem Jahr - props an die Preise der DB, die ihr Kommen quasi unmöglich gemacht haben.
Familytime sind die Momente, in denen meine Geschwister sich nur halb die Köpfe einschlagen, während sie sich dazu erbarmen mit mir Wizzard zu spielen, stundenlang.
Familytime ist, wenn die Menschen, die ich vor paar Jahren noch gar nicht kannte, mittlerweile alle fest zu meiner family gehören. Und alle noch paar Leute mitbringen, um zusammen im Wohnzimmer sitzen und man sie im Stockwerk oben immer noch lachen hören kann.
Aber anstatt unten im Wohnzimmer zu sitzen, sitze ich hier, oben in meiner Ecke und betrachte seit Stunden das Bild von meinem dreijährigen Ich und meinen Eltern neben dem Tannenbaum.
Vertreibe mir meine Zeit mit Kinderweihnachtsserien und scrolle stundenlang auf Insta, damit meine Sehnenscheidenentzündung in der Hand ja nicht abheilt. Naja oder poste heulend Instastories, in denen ich Gott verfluche. Voll ehrenlos von mir - i know - immerhin hat er heute Geburtstag.
Und ich hasse alles. Vor allem mich und mein Leben.
Hasse ich mich, dass ich meine Wut, meinen Frust und Schmerz nirgends platzieren kann, außer bei den Leuten, die mindestens genau so verzweifelt sind wie ich, während sie auf der anderen Seite der Türe stehen und gerne helfen würden.
Hasse mich und alles, weil das Gefühl von "nie genug" sich so krass in mir manifestiert und immer wieder bestätigt wird, dass ich mich schon gar nicht mehr traue überhaupt was zu sagen. Fühle ich mich doch eh schon falsch und belastend.
Hasse ich mich dafür hier rumzuliegen und zu weinen und nur meine Verzweiflung teilen zu können und nicht die Geschenke, die schönen Gedanken, die Freude, Leichtigkeit und Liebe, die auch noch irgendwo in mir ist.
Hasse ich mein Leben, war ich doch soooo krass bemüht die letzen Wochen, alles irgendwie hinzukriegen. Okay nicht alles, vor allem mich. Ich habe so viele Pausen gemacht, Dinge abgesagt, meinem Fuß zuliebe mich ans Tanzverbot gehalten, hab priorisiert und dann nochmals aussortiert und viel zu viele Dinge abgesagt. Ich habe mich weinend vor Menschen gerechtfertigt, damit sie mich verstehen, zumindest ein bisschen. Ich habe drölfzig Sterne gebastelt und Plätzchen gebacken und sehnsüchtig auf paar Tage voller Leichtigkeit und slowness gewartet. Auch mit der Hoffnung daraus dann wieder Kraft für sechs Wochen Krankenhaus und Prüfungsphase zu gewinnen.
Aber Leichtigkeit, slowness und gute Momente sind wohl zu viel erwartet. Deswegen ist der Übergang, von Krankenhaus zu Kranksein zu Isolation und wieder zu Krankenhaus, fließend.
Fließend wie meine Tränen, die einmal mehr leise schreien, dass ich das alles nicht mehr kann.
Dass ich keine Kraft habe für Diskussionen, für Kämpfe mit den Menschen, die ich am meisten liebe, die aber nicht da sein können, weil das Betreten meines Zimmer gefährlich sein könnte. Keine Kraft für nochmal alles von vorne lernen müssen: normal Essen, laufen, atmen... Alles was Coroni schon zweimal genommen und nur teilweise zurückgegeben hat.
Ich habe aber auch keine Kraft mehr für diesen Kampf ums gesund werden. Ich will nicht mehr den endlosen Schmerz fühlen müssen, meine Eltern vermissen und mich wie der einsamste und kaputteste, unumgänglichste Mensch fühlen. Vor allem aber ist da keine Kraft mehr, um zuzusehen wie immer weniger geht.
Ich will leben und lieben und das alles ohne Angst zu haben, dass es zu viel war, dass es wieder mit Schmerzschüben endet, oder ich Menschen verletzt habe, mit dem, was ich fühle, was ich nur tue, weil ich es nicht anders gelernt habe und meine Traumata jetzt aber alle Beziehungen beeinflussen und Leichtigkeit und Dasein ohne (Verlust-)Ängste quasi unmöglich machen.
Ich will leben. Und ich werde leben.
Auch wenn sich gerade noch meine Tränen mit Kopfschmerzen mischen und meiner Lunge die Luft zum Atmen fehlt und mich niemand in den Arm nehmen kann, weil es zu gefährlich ist.
Aber irgendwann, wenn die letzte Träne geweint, und alles an Positivität aus mir rausgeflossen ist, dann werde ich als ehrlichste, vielleicht emotionalste, aber immerhin ehrlichste Person leben und tanzen und lieben. Und dann wieder weinen, weil fühlen das ist, was mich ehrlich macht. Weil fühlen das einzige ist, was mich zurück ins Leben bringen kann.
Und dann werden die Lichter wieder leuchten und ich werde geduldig 54.Adventswochen auf die nächste Helene-Fischer Show warten.