ein System und der Schmerz für die Ewigkeit
ich kann nicht atmen. Und ich weiß nicht welcher Schmerz sich schlimmer anfühlt. Der in meiner Brust, vom alle paar Sekunden nach Luft schnappen oder meine Gelenke, die übermüdet sind von der Woche, dabei ist erst Mittwoch. Während ich hier tippe, ist mein warmgemachtes Essen wieder kalt und im Kühlschrank, weil ich mitten in der Küche angefangen habe zu weinen und auch während ich tippe, sich mein Körper vor Schmerzen krümmt und ich mir so sehr wünsche, dass einfach alles aufhört. Und obwohl ich weiß, dass ich nicht alleine bin und da überall Menschen für mich sind, fühle ich mich so einsam und kann mich an keine Umarmung erinnern, die über die typische fünf-Sekunden Hallo und Tschüss Umarmung hinaus geht. Und ich verfluche die Tatsache und hasse alle, weil niemand gerade hier sein kann, um mich ans Atmen zu erinnern.
Ich wünsche mir, dass ich heute morgen einfach im Bett geblieben wäre, dann wären zumindest meine körperlichen Schmerzen jetzt nicht so schlimm. Dabei war mein Tag voller casual magic und schön. Abgesehen davon, dass ich bei meiner Therapeutin saß heute Vormittag und mit dieser abwägen musste, ob teilstationär, vollstationär oder einfach alles ignorieren und alle Therapien beenden am hilfreichsten ist. Und ich sitze seit Wochen bei der Therapie und wir reden nur über Fragen, die andere Ärzt*innen haben und darüber, was ich in paar Wochen tun soll, weil mein Stundenkontingent dann aufgebraucht ist und meine Therapeutin sowieso wegzieht. Und ich kann nicht mal sagen, was an der Tatsache am schlimmsten ist. Dass die Person geht, die in den letzten Jahren am konstantesten da war und mir einen Raum gegeben hat, ich dem ich mich nicht schlecht fühlen musste fürs schlecht fühlen, oder die Tatsache, dass es ein Abschied mehr ist, mit dem ich nicht umgehen kann, oder dass die ganze Welt nicht weiß, was man mit mir machen und wie man mir helfen soll.
Und ich schreibe das hier nicht, weil ich Mitleid brauche oder nichts besseres zu tun hätte, als meinen Laptop vollzuheulen. Ich schreibe das, weil allein im Dunkeln zu verschwinden nicht besser ist. Und vor allem, weil es das Bewusstsein dafür braucht, was ein solches System Menschen antut. Das kryptische “System”. Das System der Therapie, dass Menschen Jahre auf Therapieplätze warten und letztendlich irgendeine Krankenkassen ein Kontingent an Stunden festsetzt und man bis zum Ende dieser fertig sein muss mit seinen Problemen. Und wenn nicht, dann Pech. Dann wirst du zwar vielleicht nie wieder gesund, musst alleine klarkommen und keine Arbeitsunfähigkeitsversicherung wird dich je aufnehmen, aber sonst ist das ja nicht weiter schlimm.
Aber das mit Abstand schlimmste System, das ich jemals kennengelernt habe, ist die Jugendhilfe. Und ich habe keine Kraft das hier seitenlang zu erörtern, aber stell dir du kommst als Kind ins Heim und lernst weder wie sichere Beziehungen funktionieren, noch hast du Raum und Zeit zum Trauern. Dabei ist dir vielleicht das Schlimmste passiert, was einem Kind passieren kann. Ich habe mit elf Jahren und dem Tag meines Auszugs von zu Hause das Wort “Liebe” komplett aus meinem Wortschatz gestrichen und hatte Jahre lang niemand, dem ich hätte sagen können “ich habe dich lieb” und vor allem nicht andersherum. Und während das Jugendamt alle paar Monate überprüft, ob du nicht endlich selbstständig genug bist, um dich rauswerfen zu können, kassiert es 7.000 Euro pro Monat für einen Platz an einem Ort den ich nach acht Jahren noch traumatisierter verlasse.
Und jetzt sitze ich hier irgendwo zwischen meiner Lesung gestern, meinem endlos langen Unitag morgen und meinen Wänden die voller Abschiedkarten und Fotos, von Menschen die ich teilweise nie wieder sehen werde, sind. Und ich sitze hier, ein Monat vor Weihnachten, der ohnehin emotionalsten Zeit des Jahres, meine Therapie endet in fünf Wochen und in mir ist dieser unendliche Schmerz, den Ärzt*innen vermutlich als Depression abstempeln würden. Dabei sind all der Schmerz und die zahllosen Tränen die einzige logische Konsequenz auf eine Situation wie diese. Gefangen in einem Gesundheitssystem, in dem niemand richtig Zeit hat, um zu verstehen und mir sagen zu können, was ich tun soll.
Aber das Schlimmste an einem endlos scheinenden Schmerz ist die Allgegenwärtigkeit. Denn egal wohin ich geh, was ich mache, es gibt keinen Tag an dem ich nicht daran erinnert werde, was mir fehlt. Ich habe keine Ahnung wie es sich anfühlt, wenn Menschen sterben. Ich weiß nicht, ob man jemals über diesen Verlust hinwegkommt, aber irgendwie leben Menschen ja damit. Dafür weiß ich, wie es ist jeden Tag auf’s neue ein bisschen zu sterben. Mit Eltern zu leben, die nicht das geben können, was sie gerne würden und so sehr in ihren eigenen Erkrankungen gefangen sind, dass jedes Foto, jedes Telefonat, jeder Besuch bei ihnen sich wie ein Messerstich ins Herz anfühlt. Und ich weiß nicht, wie man über etwas hinwegkommen soll, was jeden Tag aufs neue passiert. Und an manchen Tagen ist es so schlimm diesen beiden Beziehungen, meinen Sehnsüchten und Wünschen immer wieder aufs neue beim Sterben zuzusehen, dass ich am selbst am liebsten einfach umfallen würde.
Und ich habe keine Ahnung. wie man so etwas fühlt, was so groß ist. Etwas, das ich jahrelang verdrängen musste, weil es keinen Raum, keine Zeit, keine Sicherheit für mich gab. Weil funktionieren, einen Schulabschluss schaffen, normal sein wichtiger war. Und vor allem auch, weil mir nie jemand den Raum dafür eingeräumt hat, mich fallen lassen zu können. Und darauf vertrauen zu können, aufgefangen zu werden. Ich weiß nicht, wie ich jemals Worte finden soll, die nur ansatzweise beschreiben können, was ich fühle.
Meine Therapeutin meinte, vielleicht sollte ich einfach reisen gehen. Sie wünscht sich für mich Leichtigkeit und weniger Schwere in meinem Alltag. - ich auch. Aber ich weiß nicht wie. Abgesehen davon, dass ich ohne verschiedene Medikamente nicht mal atmen könnte, kann ich nicht nicht arbeiten. Weil ich sonst kein Geld für meine Tabletten und Therapien und Krankenhausbesuche hätte. Und vor allem, weil sich sonst nie was ändert. Lesungen zu geben erscheint erstmal nach was krassem, tollen. Das ist es auch. Aber anders, als bei random Romanen oder so, erzähle ich immer und immer wieder von meinem Leben, lass unzählige Menschen daran teilhaben und komme nie ganz weg von der Jugendhilfe, obwohl ich ausgezogen bin. Ich liebe meine Lesungen und Räume zu schaffen, in denen Kinder, Jugendliche, Fachkräfte lachen, weinen, erzählen können. Aber ich wünsche mir trotzdem, dass es sie nicht bräuchte.
Und wenn du bis hierher gelesen hast, dann mein Wunsch, dass du es nicht vergisst. Diese Worte. Ich wünsche es mir nicht für mich, sondern für all die Kinder, die gerade in der Jugendhilfe leben, (chronisch) krank sind, anders strugglen und durch ein System fallen, dass nie dafür geschaffen war sie zu halten. Ich wünsche mir, dass niemand vor Schmerz aufhört zu Atmen und dass es zumindest Menschen gibt, die da sind und sie in den Arm nehmen, solange bis es wieder okay ist. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die zusammen was an den krankmachenden Strukturen ändert, in denen wir alle leben. ich wünsche mir jemanden, der neben mir im Bett sitzt. Ich wünsche mir meine Eltern zurück.